… zur Gründung des Theresienwerks 1972
(Ungekürzte Fassung – eine gekürzte Fassung finden Sie im Rundbrief 3/2011 und 1/2012)
Die Hoffnung der kleinen Therese
1. Der Ausgangspunkt
Noch nie in der Kirchengeschichte ist das christliche Denken sosehr im Zeichen der Hoffnung gestanden wie heute. Vor allem im jüdischen Raum wurde das “Prinzip Hoffnung” als die allmächtige Triebkraft des Daseins entdeckt, und daraufhin eine christliche “Theologie der Hoffnung” als etwas … ganz Neues entworfen. Aber der entscheidende Durchbruch war schon früher erfolgt: zu Ende des letzten Jahrhunderts in einem abgelegenen Karmel der französischen Provinz. War Therese Martin1, der dieser Durchbruch gelang, sich ihrer Tat bewußt? Aus manchen ihrer kühnen, über sich selbst erstaunten Äußerungen möchte man es vermuten.
Es war hohe Zeit für diese Wende. In der offiziellen Theologie der Kirche war die Hoffnung, verglichen mit dem Glauben und der Liebe, vernachlässigt. Dafür könnten viele Gründe verzeichnet werden: einmal war die Theologie immer mehr ein statisches Gebäude feststehenden Glaubenswissens geworden, in dem für den dynamischen Schwung der Hoffnung wenig Raum blieb. Schlimmer war wohl, daß man, wenigstens seit Augustinus, so sicher war: nur eine bestimmte Anzahl prädestinierter Menschen käme in den Himmel, die andern nicht, und da dies von Gott her und für den Glauben nun einmal so festgelegt wäre, könnte jeder Glaubende eigentlich nur für sich selber, nicht auch für andere das Heil erhoffen2. Es ist bedeutsam, daß gegen diese unevangelischen Beschränkungen der christlichen Hoffnung schon im Mittelalter und bis zur Neuzeit hin ein ganzer Zug heiliger Frauen protestiert hatten, die neben der zünftigen Theologie her ein Denken aus der Kühnheit des Herzens und aus einem unmittelbaren Zugang zu den Mysterien der Offenbarung entfaltet hatten; nur die größten Namen seien genannt: Hildegard, Gertrud, Mechthild von Hackeborn, Mechthild von Magdeburg, Juliana von Norwich, Caterina von Siena … und später Marie de I’Incarnation; auch Madame Guyon müßte genannt werden. Aber diese Theologie der Frauen ist von der Zunft nie ernst und voll genommen worden; niemand dachte daran, sie zu studieren, ihre Einsichten in die Schatztruhen der kirchlichen Überlieferung einzubergen. Dies müßte spätestens heute, da das ganze Gebäude der Theologie von Grund aus neu aufgeführt wird, nachgeholt werden. Stand nicht zu erwarten, daß Gott insbesondere seinen Heiligen die Geheimnisse seines Herzens durch die Zeiten hindurch am tiefsten erschließen würde? Und warum heiligen Frauen weniger als heiligen Männern (wie etwa Benedikt oder Franz von Assisi, die das kirchliche Denken so nachhaltig befruchtet haben), wenn doch die Frauen im Evangelium die privilegierten Empfängerinnen und Bewahrerinnen des göttlichen Wortes waren?
Es war für Therese von Lisieux ein Vorteil, daß sie mit wenig zünftiger Theologie, überhaupt mit wenig Lektüre befrachtet war. So war ihr gescheiter, spürsamer, findiger Geist für das Wesentliche, das Gott ihr zeigen wollte, frei.
