"Mama" - Die Jungfrau vom Lächeln und ihre Umzüge


Zélie Martin berichtet in einem Brief, dass die kleine Therese in der Rue Saint-Blaise die Treppe hinunterstieg und bei jeder Stufe immer wieder laut „Mama!“ rief. Nach dem frühen Tod der Mutter (Therese war erst viereinhalb Jahre alt) wurde das Nesthäkchen von allen Familienmitgliedern geliebt und verwöhnt. Nach Paulines Klostereintritt wurde Therese von Marie, der Ältesten, liebevoll, dennoch mit der nötigen Strenge umsorgt. Therese wandte sich immer mehr Maria, ihrer himmlischen Mutter, zu.


Die Statue der „Jungfrau vom Lächeln“ hat eine lange Geschichte. Sie wurde von der Familie Martin sehr verehrt. Täglich wurde vor ihr gebetet und im Marienmonat Mai schmückten die Töchter sie mit vielen Blumen und Zweigen. Die Marienstatue ist mit der Familie mehrmals umgezogen.


Ursprünglich war diese Mariendarstellung eine Silberstatue in der Pariser Kirche Saint-Sulpice aus dem Jahre 1735. Das wohl schon ältere Fräulein Félicité Baudouin sah im jungen Louis Martin wohl etwas Besonderes, denn sie half ihm finanziell enorm. Mit ihrer Hilfe (und zusätzlichen Schulden) konnte Louis das Haus in der Rue du Pont-Neuf in Alençon kaufen und dort sein Uhrmacher- und Juweliergeschäft eröffnen. Mademoiselle Baudoin schenkte ihm auch eine Kopie der oben erwähnten Statue, die später als Jungfrau vom Lächeln bekannt wurde.


Louis Martin, damals noch Junggeselle, stellte die Marienfigur im Garten seines Pavillons in Alençon auf. Hierher zog er sich häufig zum Lesen und Meditieren zurück. Die „Jungfrau vom Lächeln“ folgte den Lebensstationen der Familie. Nach der Hochzeit von Zélie und Louis im Jahre 1858 zog die Statue in die Rue du Pont-Neuf ein, dann 1871 in die Rue Saint-Blaise. Hier wurde Therese am 2. Januar 1873 geboren. Nach Zélies Tod 1877 zog die Familie nach Lisieux, wo Isidore Guérin, der Onkel und Mitvormund der Martin-Halbwaisen, mit seiner Familie wohnte und eine Apotheke hatte. Im Miethaus der Martins, in den „Buissonnets“, bekam die Statue einen Ehrenplatz.


Als Therese 1883 schwer krank wurde, brachte man die Muttergottes-Statue in Maries Zimmer, das nun als Krankenzimmer diente. In diesem Zimmer wohnte früher auch Pauline, aber sie war ja zu diesem Zeitpunkt schon seit einem halben Jahr im Karmel. Hier pflegten die Geschwister mit Liebe und großer Sorge die Jüngste. Thereses eigentliches Zimmer war auf der Rückseite; sie teilte es mit der um vier Jahre älteren Céline.


Die Jungfrau ist von einer zarten Schönheit und ist ohne das Jesuskind dargestellt. Sie steht auf der Erdkugel und tritt der apokalyptischen Schlange auf den Kopf. Über ihrem edlen Haupt ist ein Kranz aus zwölf Sternen, ihr Gesicht ist nach unten, ihren Kindern auf der Erde zugewandt. Sie breitet ihre Hände aus, als würde sie den himmlischen Gnadenstrahlen die Richtung weisen.

Therese schreibt über ihre wundersame Heilung: „Plötzlich erschien mir die Muttergottes schön, so schön, dass ich nie Schöneres gesehen hatte, ihr Antlitz atmete unaussprechliche Güte und Zärtlichkeit. Was mir aber bis ins Innerste der Seele drang, das war das bezaubernde Lächeln der seligen Jungfrau.“

Die Gottesmutter hat Therese zugelächelt und sie geheilt. Später, als Therese schon im Kloster war, der Vater in der Heilanstalt in Caen und die Buissonnets aufgelöst werden mussten, stand die Muttergottes mit großer Wahrscheinlichkeit bei den Guérins in der Rue Banaston. Als der Vater dann 1892 vom Sanatorium nach Hause durfte, wohnte er mit Céline und einem Dienstehepaar (und teils auch mit Léonie) für die letzten zwei Jahre seines Lebens in unmittelbarer Nähe zu Schwager und Schwägerin Guérin in der Rue Labbey. Es ist anzunehmen, dass die Jungfrau vom Lächeln, die zuallererst Louis gehörte, in dessen zwei letzten Lebensjahren wieder in seinem Zimmer war.


Céline nahm die Marienfigur nach dem Tod des Vaters 1894 ins Kloster mit. So kam die Jungfrau vom Lächeln wieder zu Therese. Als Therese 1894 ihre dritte und letzte Klosterzelle „Saint-Élisée“ bezog, bekam die Muttergottes einen Platz im Vorraum ihrer Zelle. Ob sie auf derselben Kommode stand wie in Thereses Krankenzimmer in den Buissonnets? Einige Möbel wurden nach der Auflösung der Buissonnets hierher gebracht. In dem kleinen Vorraum ihrer Zelle empfing Therese ab März 1896 ihre Novizinnen, die mit einer Ausnahme alle älter als sie selbst waren. Als sie schwer an Tuberkulose litt und auf die Krankenstation des Karmel verlegt wurde, brachten ihre Mitschwestern die geliebte Figur der Gottesmutter an ihr Krankenbett. Die Jungfrau tröstete auch hier Therese in ihren schlimmsten Stunden des Leidens. Nie hat Therese an der Nähe der Gottesmutter gezweifelt.


Nach den Umbauarbeiten in der Kapelle des Karmel anlässlich ihrer Heiligsprechung fand die Statue ihren aktuellen und letzten Platz. Dort wacht sie nun für immer über Thereses Glasschrein und erfreut sich über die betenden Pilger und die vielen Blumen, die diese Therese mitbringen. Eifersucht gibt es im Himmel nicht: Die Muttergottes freut sich, wenn ihre Kinder auch Therese lieben und verehren. Die Lilie und die Rose, beide blühen im selben himmlischen Garten. Zu ihnen gesellt sich bald auch das „bescheidene Veilchen“, Léonie. Im Himmel ist der Garten des Karmel und der Heimsuchung nicht mit einer Mauer getrennt.


Ihre Majestät, die Himmelskönigin, hat Therese keine Furcht eingeflößt. Ehrfurcht schon, aber keine Furcht. Vor einer Mutter kann man keine Angst haben. „Sie ist mehr Mutter als Königin“, sagte Therese und nannte sie voller Vertrauen und Liebe „Mama“. Ja, wir dürfen auch „Mama“ zu ihr sagen, die Jungfrau vom Lächeln, die Königin des Himmels, ist auch unsere Mutter!