Therese und das Herz Jesu


Liebende Menschen haben von jeher das Herz als Symbol ihres Denkens und Fühlens betrachtet. In Parkbänke haben sie das Herz ebenso eingeritzt wie in die Rinde von Bäumen. „Mein Herz soll dir gehören“, wollten sie damit ausdrücken. Wir sagen gerne und mit Recht: „Auf das Herz kommt es an.“ Die Künstler des 19. Jahrhunderts hatten eine besondere Vorliebe für Herz-Jesu Darstellungen. Ihre Bilder, die in nahezu jedem Haus als billige Farbdrucke hingen, werden heute gerne belächelt, und doch wollten sie nichts anderes als die Sprache der Theologen anschaulich machen. In der Präfation vom Heiligsten Herz Jesu wird klar beschrieben, worum es bei der Herz-Jesu-Verehrung geht:


„Am Kreuz erhöht, hat er sich für uns dahingegeben aus unendlicher Liebe und alle an sich gezogen. Aus seiner geöffneten Seite strömen Blut und Wasser, aus seinem durchbohrten Herzen entspringen die Sakramente der Kirche. Das Herz des Erlösers steht offen für alle, damit sie freudig schöpfen aus den Quellen des Heiles.“


Therese hatte, wie die meisten Menschen ihrer Zeit, ein ganz besonderes Verhältnis zum heiligsten Herzen Jesu. Immer wieder, vor allen Dingen in ihren Briefen, kommt sie auf das Herz Jesu zu sprechen. Und gerne lädt sie andere ein, das Herz Jesu zu verehren. „Bete viel zum Herzen Jesu, Du weißt, ich sehe das Herz Jesu nicht wie jedermann. Ich denke, das Herz meines Bräutigams ist ganz mein und das meine ist ganz sein, und ich spreche zu ihm in dieser köstlichen Einsamkeit von Herz zu Herz, bis ich ihn dann einmal von Angesicht zu Angesicht schauen darf.“ So schreibt sie an Celine am 14. Oktober 1890. Einerseits also praktiziert sie eine Frömmigkeitsform ihrer Zeit und lädt andere dazu ein, andererseits aber sagt sie, dass ihre Art der Herz-Jesu-Verehrung eine so ganz andere ist als die ihrer Zeitgenossen.


Auch in dem Gedicht „An das heiligste Herz Jesu“ versteht sie es, ihren neuen Weg einzupacken in eine Form, die allen geläufig ist. Das Gedicht datiert auf den 21. Juni oder Ende Oktober 1895 und ist erbeten von Schwester Marie vom heiligsten Herzen.


Am heiligen Grab, als Maria Magdalena Ihren Jesus suchte, beugte sie sich unter Tränen nieder. Der Engel wollte ihre Pein lindern, doch nichts konnte ihren Schmerz beschwichtigen.

Nicht ihr wart es, ihr leuchtenden Engel, was diese brennende Seele zu suchen kam; sie wollte den Herrn der Engel schauen, Ihn in ihre Arme nehmen. Ihn weit forttragen...

Beim Grab war sie die Letzte geblieben. Jetzt war sie, lange vor Tagesanbruch, schon gekommen. Ihr Gott kam ebenfalls. Sein Licht verhüllend; Maria konnte Ihn an Liebe nicht überbieten!

Er zeigte ihr zuerst Sein gesegnetes Antlitz, doch bald klang aus Seinem Herzen ein einziges Wort auf: Den so lieblichen Namen Maria aussprechend, schenkte ihr Jesus wieder den Frieden, das Glück.

Eines Tages, o mein Gott, wollte ich wie Magdalena Dich sehen, mich Dir nähern. Mein Blick tauchte ein in die unendliche Weite, in der ich nach dem Meister und König sorgfältig suchte.

Und ich rief aus, als ich nur die lautere Welle, Das besternte Blau, die Blumen und die Vögel sah: „Wenn ich Gott nicht sehe, du schimmernde Natur, bist du für mich nichts als nur ein unermessliches Grab. Ich brauche ein Herz, das von Zärtlichkeit brennt, das meine Stütze bleibt ohne jedes Zurück, das alles in mir liebt, selbst meine Schwäche, das weder bei Tag noch bei Nacht mich verlässt."

Ich habe kein Geschöpf finden können, das mich immer liebte, ohne je zu sterben. Ich brauche einen Gott, der meine Natur annimmt, der mein Bruder wird und leiden kann.

Du hast mich erhört, einziger Freund, den ich liebe! Um mein Herz zu entzücken, hast Du Dich sterblich gemacht. Du hast Dein Blut vergossen, — welch höchstes Geheimnis! Und immer noch lebst Du für mich auf dem Altar.

Wenn ich den Glanz deines Antlitzes nicht sehe, deine von Milde erfüllte Stimme nicht hören kann, so kann ich doch, mein Gott, von deiner Gnade leben; ich kann ruhen an Deinem heiligen Herzen!

Du bist mein Glück, meine einzige Hoffnung! Du, der du meine frühe Jugend zu entzücken wusstest, bleibe bei mir bis zum letzten Abend! Herr, dir allein habe ich mein Leben geschenkt, und alle meine Wünsche sind dir wohlbekamnt. Es ist deine immer unendliche Güte, in die ich mich verlieren will, o Herz Jesu! Ach, ich weiß es gut: Alle unsere Gerechtigkeiten haben vor Deinen Augen gar keinen Wert.

Doch um meinen Opfern Wert zu verleihen, will ich sie in Dein göttliches Herz werfen. Selbst Deine Engel hast Du nicht ohne Makel gefunden. Inmitten von Blitzen gabst Du Dein Gesetz. In Deinem heiligen Herzen, o Jesus, berge ich mich; Ich zittere nicht, denn meine Lauterkeit bist Du! Um Deine Herrlichkeit schauen zu können, muss man, ich weiß es, durch’ s Feuer gehen. Und ich, ich wähle mir zum Reinigungsort deine brennende Liebe, o Herz meines Gottes! Wenn meine verbannte Seele dieses Leben verlässt, möchte sie einen Akt reiner Liebe machen und dann zum Himmel, ihrem Vaterlande, auffliegend, ohne jeden Umweg eintreten in Dein Herz.


In diesem Gedicht lässt sich als Ansatzpunkt ihrer Herz-Jesu Verehrung eine konkrete Person ausmachen: Maria Magdalena. Von eben jener Maria Magdalena schreibt sie in einem Brief vom 21. Juni 1897 an Abbe Belliere:


„Glauben sie nicht, mich zu erschrecken, wenn sie von „ihren schönen, verschwendeten Jahren“ sprechen. Ich danke Jesus, der sie, wie einst den jungen Mann im Evangelium, mit einem Blick der Liebe angeschaut hat. Glücklicher als er, haben sie dem Ruf des Meisters treu geantwortet. Sie verließen alles, um ihm nachzufolgen, und das im schönsten Lebensalter, mit 18 Jahren. Ach, mein Bruder, gleich mir können sie die Erbarmungen des Herrn besingen, sie leuchten in ihnen auf in ihrem vollen Glanz ... Sie lieben den hi. Augustinus, die hl. Magdalena, diese Seelen, „denen viele Sünden vergeben wurden, weil sie viel geliebt haben“. Auch ich liebe sie, ich liebe ihre Reue, und vor allem ... die Kühnheit ihrer Liebe. Wenn ich Magdalena betrachte, wie sie in Gegenwart der zahlreichen Geladenen vorgeht, um die Füße ihres angebetenen Meisters, den sie zum ersten Mal berührt, mit ihren Tränen zu netzen; ich fühle, dass ihr Herz die Abgründe der Liebe und des Erbarmens des Herzens Jesu begriffen hat und dass dieses Herz der Liebe „nicht nur bereit ist, ihr, der Sünderin, zu vergeben, sondern auch ihr die Wohltat seiner göttlichen Nähe zu erweisen, sie zu den höchsten Gipfeln der Kontemplation zu erheben. Ach, mein kleiner Bruder, seit es mir geschenkt wurde, in solcher Weise die Liebe des Herzens zu erfassen, gestehe ich ihnen, dass er alle Furcht aus meinem Herzen vertrieben hat. Die Erinnerung an meine Fehler demütigt mich, veranlasst mich, mich nie auf meine eigene Kraft, die nur Schwachheit ist, zu stützen, aber mehr noch spricht dieses Erinnern mir von der Barmherzigkeit und Liebe. Wie sollten auch, wenn man seine Fehler mit ganz kindlichem Vertrauen in die verzehrende Glut der Liebe hineinwirft — wie sollten sie nicht unwiderruflich verzehrt werden?“


Trotz all ihrer Liebe ist Therese sich dessen bewusst, dass sie noch nicht die Fülle der Liebe besitzt und dass sie sich vor einem „Abgrund“ (MsC 271) befindet, den sie gerne ausfüllen möchte, um voll und ganz ihrem Vielgeliebten entsprechen zu können. Dieser Abgrund muss überwunden werden. Auf beiden Ufern stehen fest begründete Fundamente. Auf dem Ufer des Menschen, dieses begrenzten Wesens, ist der Pfeiler die Demut, die ihn seine Unvollkommenheit und Ohnmacht annehmen lässt. Auf dem Ufer des unendlichen Gottes ist der Pfeiler die Barmherzigkeit, an die der Mensch glaubt. Demut und Glaube an das göttliche Erbarmen sind die wesentlichen Bedingungen für die Hoffnung. Zwischen diese Pfeiler wird schließlich die Brücke des liebenden Vertrauens gespannt, die dem Menschen erlaubt, sich mit Gott zu verbünden. Oder genauer, Gott selbst ist es, der diese Brücke überquert, um dem Menschen zu begegnen, um ihn mit seinen Gaben zu beschenken und ihn an das andere Ufer zu führen.


In diesem Bild ist treffend die Herz-Jesu Frömmigkeit der heiligen Therese eingefangen. Therese hat einen Blick tun dürfen in die unendliche Weite der göttlichen Liebe. Und ihre Herz-Jesu Frömmigkeit ist nichts anderes als die immer mehr zunehmende Erfahrung der Liebe Gottes.

Therese hängt Gott mit heißer Inbrunst an und lebt ohne Unterlass mit ihm, Herz an Herz. „Ich glaube, dass ich niemals drei Minuten verbracht habe, ohne an den lieben Gott zu denken.“ Sie weiß, dass Gott als ihr Schöpfer und Vater im tiefsten Grunde ihres Wesens ruht und dass er, der Allmächtige, der unendlich Weise und Gute, all seine Macht, seine Weisheit und Güte in den Dienst seiner Liebe zu ihr stellt.


Wie aber kann ein Mensch, der mit all seiner Liebe doch nur ein begrenztes Wesen ist, den unendlichen Gott lieben, denn dessen Liebe ist ja unendlich? Wie kann ein kleines und ohnmächtiges Wesen, dass sich so intensiv auf die Liebe hin ausspannt, dieses Ideal verwirklichen? Therese vertraut darauf, dass Gott sie selbst zum Gipfel der Liebe führen wird. Sie hofft darauf, dass Gott sie beschenkt.

Das Geheimnis Thereses, ihr Ziel zu erreichen, besteht in ihrer radikalen Empfänglichkeit. Und Therese erinnert uns an die neuen Wege des Heiles, die Gott uns damit eröffnet hat, dass er uns seinen Sohn schenkte: dem alten Gesetz folgte „das Gesetz der Liebe“ Jesu. Und je tiefer sich die Liebe herabneigen kann, desto stärker enthüllt sie ihr Antlitz des Erbarmens: „Die Liebe hat mich schwaches, unvollkommenes Geschöpf als Brandopfer erwählt. Ist diese Wahl nicht der Liebe würdig? Doch, denn damit die Liebe vollkommen befriedigt wird, muss sie sich erniedrigen, sich bis zum Nichts hinab erniedrigen und dieses Nichts in Feuer umwandeln.“ (MsB 201) Das ist ihre Erfahrung. Gott hat in Jesus Christus ihr Nichts, ihre Ohnmacht, in Feuer verwandelt. Und dieses Feuer ist das Feuer der Liebe.