Auf dem Weg zum Leben


Die Zeit ist gekommen, sich mit Gott zu vereinen. Der Wunsch Thérèses ist zu seiner vollen Reife gelangt, die Erhörung nahe. Alles ist so schnell gegangen. Thérèse war darauf gefasst. Nie bat ich den lieben Gott, jung zu sterben, das wäre mir als Feigheit erschienen, aber Er gab mir von Kindheit an die innere Überzeugung, dass mein Lauf auf Erden kurz sein würde (Brief 258). Deshalb war sie so drängend darauf bedacht, intensiv zu leben. Als Novizin und in der Schule des Leidens schrieb sie: Das Leben ist ein Augenblick zwischen zwei Ewigkeiten (Brief 87).


In ihrem Herzen hat sie viel über Zeit und Ewigkeit nachgedacht. Das Leben erschien ihr als ein Geschenk Gottes, aber auch als eine Verantwortung mit wichtigen Folgen: Das Leben ist ein Schatz… Jeder Augenblick ist eine Ewigkeit, eine Ewigkeit von Freude auf den Himmel, eine Ewigkeit, Gott von Angesicht zu Angesicht zu sehen, nur eins mit Ihm zu sein! … Es gibt nichts außer Jesus, der ist; alles Übrige ist nicht … Lieben wir Ihn also bis zum Wahnsinn, retten wir für Ihn Seelen (Brief 96). Wir sind größer als das ganze Weltall, eines Tages werden wir selbst ein göttliches Dasein führen (Brief 83). Das war die Vision des Frühlings, und es ist auch die Vision des Herbstes – die Dinge sind hier nur in einem ruhigeren Ton ausgedrückt. In dem Augenblick, da ich vor dem lieben Gott erscheine, verstehe ich mehr denn je, dass nur eines notwendig ist: einzig und allein für Ihn zu arbeiten… Ich möchte Ihnen tausend Dinge sagen, die ich verstehe, weil ich am Tor zur Ewigkeit stehe, doch ich sterbe nicht, ich gehe ins Leben ein, und alles, was ich Ihnen hier nicht sagen kann, werde ich Ihnen vom Himmel her verständlich machen (Brief 244).


Mehr denn je hat Thérèse den Blick eines Kindes. Ihre geistige Reife offenbart sich in der tiefen Einfachheit, mit der sie in allem einen Widerschein des göttlichen Lichtes sieht.


Ist Thérèse bereit zu sterben? Ja und nein. Da sie von allem losgelöst ist, ist sie bereit, alles zu empfangen: Da ich mich bemühe, ein ganz kleines Kind zu sein, brauche ich keine Vorbereitungen zu treffen. Jesus wird selbst alle Reisekosten und den Eintritt in den Himmel zahlen müssen! (Brief 191). Aber in anderer Hinsicht ist sie nicht bereit, nicht würdig, sich dem Allheiligen Gott zu vereinen, und sie weiß, dass sie es aus eigener Kraft auch niemals sein wird … Ich bemühe mich, aus meinem Leben einen Akt der Liebe zu machen, und es beunruhigt mich nicht mehr, dass ich eine kleine Seele bin, im Gegenteil, ich freue mich darüber. Deshalb wage ich zu hoffen, dass »mein Exil kurz sein wird«, aber nicht, weil ich bereit bin; ich fühle, dass ich es niemals wäre, wenn nicht der Herr selbst mich verwandeln wollte. Er kann es in einem Augenblick tun; nach all den Gnaden, mit denen Er mich überhäuft hat, erwarte ich noch eine Seiner unendlichen Barmherzigkeit (Brief 224). Da sie vor der Unmöglichkeit steht, der Liebe Gottes auf Erden jemals entsprechen zu können, ist die Sehnsucht nach dem Himmel in Thérèse schon lange erwacht. Dort würde sie Gott mit der Fülle Seiner eigenen Liebe lieben können. Dort würde sie Ihn ohne Grenze und ohne Abstand lieben können, wie sie es sich hier auf Erden so sehr ersehnt hat. Schon als Novizin hat sie geschrieben: Wie sehr dürste ich nach dem Himmel, wo man ohne Vorbehalt Jesus liebt (Brief 79).


Drei Monate vor ihrem Tod, sagt sie: Was mich zur himmlischen Heimat zieht, ist der Ruf des Herrn, ist die Hoffnung, Ihn endlich zu lieben, wie ich es so sehr gewünscht habe, und der Gedanke, dass ich eine große Zahl von Seelen Ihn lieben lehren darf, die Ihn ewig preisen werden (Brief 254). Denn sie hat die süße Gewissheit, dass sie vom Himmel aus weiterhin ihr Apostolat auf Erden ausüben wird können. Ich fühle, dass ich in die Ruhe eingehen werde… Vor allem aber spüre ich, dass meine Sendung anfangen wird, meine Sendung, den lieben Gott so lieben zu lehren, wie ich Ihn liebe, den Seelen meinen kleinen Weg zu zeigen. Wenn der liebe Gott meine Wünsche erhört, werde ich meinen Himmel bis zum Ende der Welt auf Erden verbringen. Ja, ich möchte meinen Himmel damit verbringen, auf Erden Gutes zu tun (IGL 110).


Mit ihrer Sehnsucht nach dem Himmel ist ihre wachsende Erwartung des Sterbens aus Liebe verbunden. Ich verlasse mich nicht auf meine Krankheit, um ins Paradies zu kommen, sie ist mir eine zu langsame Führerin. Ich verlasse mich nur noch auf die Liebe. Bitten Sie den gütigen Jesus, dass alle Gebete, die für mich verrichtet werden, das Feuer nähren, das mich verzehren soll (Brief 242).


Seit dem Beginn ihres Ordenslebens hat sich Thérèse für die Worte des heiligen Johannes vom Kreuz in seiner Lebendigen Liebesflamme begeistert: Es ist von größter Bedeutung, dass die Seele die Liebe viel übt, damit sie, indem sie sich schnell verzehrt, nicht mehr auf Erden verweilt, sondern auf direktem Weg dazu gelangt, ihren Gott von Angesicht zu Angesicht zu schauen. Und mit ihm hat sie gebetet: Zerreiße den Schleier dieser süßen Begegnung. Als sie sich später immer mehr der Ohnmacht ihrer Liebe bewusst wird, betrachtet sie diesen Liebestod als einen Augenblick, in dem sich alle Liebe in einem höchsten Akt der Hingabe zum letzten Mal sammeln wird. In ihrem »Akt der Hingabe an die barmherzige Liebe« hat Thérèse gebeten, dass sie in einem Martyrium der Liebe sterben möge. Wir finden dieses Gebet öfters wieder. Allerdings hat es eine tiefgreifende Entwicklung durchgemacht. Zu Beginn erwartete sich Thérèse eher ein Sterben wie in den Beschreibungen des heiligen Johannes vom Kreuz: »in wunderbarer Verzückung und in einem köstlichen Aufschwingen, das ihnen die Liebe verleiht«. Aber in der Nacht ihres körperlichen und geistlichen Leidens sieht sie wenig von »Verzückung« und »Aufschwingen« … Ihre Sicht vom Sterben verändert sich hier. Das Wesen des Liebestodes bleibt, aber die Art wandelt sich. Sie betrachtet oft den Gekreuzigten und begreift schließlich: Unser Herr ist in Todesängsten am Kreuz gestorben, und doch war es der schönste und der einzige Liebestod, den man je gesehen hat. Aus Liebe sterben, heißt nicht, in Verzückung sterben (IGL 78).

Schließlich wird sie sagen, dass der Liebestod, den sie sich wünscht, der »Tod Jesu am Kreuz« sein solle. Und dieser Tod wird der ihre sein.


aus: Conrad de Meester, Mit leeren Händen