Die Waffe des Gebetes


aus einem alten Rundbrief des Klein-Theresien-Karmels in Rankweil


Therese von Kinde Jesu hat in ihrem kurzen Leben keine großen, messbaren Leistungen vollbracht. Auf die Frage, warum sie in den Karmel eingetreten sei, antwortete sie: „Ich bin gekommen, um Seelen zu retten, und besonders um für die Priester zu beten!“ Als junges Mädchen dachte sie einmal daran, in einen Missionsorden einzutreten. Céline, ihre Schwester, berichtet, warum es nicht dazu gekommen ist: „Es war, um mehr zu leiden und dadurch mehr Seelen für Gott zu gewinnen. Sie dachte, dass es für die menschliche Natur härter sei, zu arbeiten, ohne je die Frucht der eigenen Arbeit zu sehen, ohne Ermutigung, ohne jeglichen Trost, welcher Art immer. Ein Leben voll des Sterbens ist das gewinnbringendste für das Heil der Seelen.“


Therese war diesem Programm bis an ihr Lebensende in heroischer Weise treu. „Beten wir, opfern wir“, ruft sie aus, und „Wir werden in unseren Gebeten nicht ermüden. Das Vertrauen wirkt Wunder!“ Kurz vor ihrem Sterben, am 9. August 1897, sagte sie noch zu einer Novizin: „Ich werde mit der Waffe in der Hand sterben.“ Was sie damit meint, sind nicht irdische Waffen, sondern die geistigen Waffen des Opfers und des Gebetes. In dem Bericht an ihre Mutter Priorin schreibt sie: „Wie groß ist doch die Macht des Gebetes! Man könnte es einer Königin vergleichen, die allzeit freien Zutritt hat beim König und alles erlangen kann, worum sie bittet. Es ist durchaus nicht nötig, ein schönes, für den entsprechenden Fall formuliertes Gebet aus einem Buch zu lesen, um Erhörung zu finden; träfe das zu ... ach, wie wäre ich zu bedauern!... Neben dem Stundengebet, das zu beten ich sehr unwürdig bin, habe ich nicht den Mut, mich zum Suchen schöner Gebete in Büchern zu zwingen, das macht mir Kopfweh, es gibt ihrer so viele!... Und dann ist ein jedes schöner als das andere... Ich könnte nicht alle beten, und da ich nicht weiß, welches auswählen, mache ich es wie die Kinder, die nicht lesen können, ich sage dem lieben Gott ganz einfach, was ich ihm sagen will, ohne schöne Phrasen zu machen, und Er versteht mich immer.“


Alle Heiligen haben in irgendeiner Form diese Grenzerfahrung gemacht: das „Heil“ für uns und für die anderen beginnt niemals bei unserem Tun, sondern ist frei geschenkte Gnade Gottes. Darum ist das Gebet eine unentbehrliche Waffe in der apostolischen Arbeit. Dies gilt keineswegs nur für beschauliche, ganz auf das Gebet ausgerichtete Ordensleute. Mit erschütternder Deutlichkeit zeigen uns dies Dokumente von Priestern, die in Kerkern und Konzentrationslagern wegen ihres Glaubens das Leben lassen mussten. Es waren durchwegs Männer von Tatkraft und voll apostolischen Eifers, die sich selbst nicht schonten, um als Apostel der Nächstenliebe anderen zu helfen. Bei den allermeisten reifte dann in monate- und jahrelanger Haft der Gedanke, dass sie auch hinter Kerkergittern ihre Aufgaben als Seelsorger weiter erfüllen konnten: auf einer anderen Ebene. Sie hatten die Gnade, zu erkennen, dass „es nicht auf den Wollenden und Laufenden“ ankommt, „sondern auf Gottes Erbarmen“ (Röm 9,16). Unmittelbar konnten sie nun nicht mehr die Menschen erreichen, aber sie gelangten zu ihnen über das Gebet, über das tapfer und heroisch getragene Leid: ein bewusst auf sich genommenes, langsames und qualvolles Sterben.


Pfarrer A. M. Wachsmann (Berlin) schreibt aus dem Gefängnis am 5. Jänner 1944: „Jetzt ist mein ganzer Tag Gebet - mein Leben liegt in Gottes Hand, meine Existenz ist geborgen in der Gnade dessen, der am Kreuz hingerichtet worden ist.“ Und eine halbe Stunde vor der Hinrichtung: „In einer halben Stunde gehe ich hinüber zum Vater der Lichter. Ich opfere meinen Tod Gott auch für meine Sünden und für die Kirche, die ich geliebt habe mit ganzer Seele.“ Pfarrer H. Töpfer (Axams/Tirol) erfährt in der Strafanstalt Garsten: „Hier kann man lernen, was für den Menschen wirklichen Wert hat... für das Reich Gottes kann auch ein gedemütigter und vertrauender Sträfling mitarbeiten.“ In seinem letzten Brief an die Eltern, am 14. April 1942, schreibt der Pallottiner-Pater Franz Reinisch (Innsbruck): „So möget ihr mit mir in ein herrliches und freudiges Magnifikat und Te Deum einstimmen, wenn ihr hört, dass meine Sendung auf dieser Welt zu Ende ist und erst recht im Jenseits zu beginnen anfängt.“ In den Tagen zwischen Todesurteil und Hinrichtung schreibt Pfarrer Josef Müller (Großdüngen/Kreis Hannover): „Herr, ich hatte geglaubt, meine Wege müssten mich zu den Menschen führen... mein Tod wirkt jetzt mehr für das Reich Gottes als mein Leben. So viele wollte ich noch hineinreißen in das große Liebesreich Christi, das werde ich nun von da oben für Euch tun.“ Provikar Dr. Carl Lampert (Göfis bei Feldkirch) ging mit gesenktem Haupt, laut betend zum Fallbeil. „Er betete lauter als auf der Kanzel“ berichtet ein Augenzeuge. „Jesus, Maria“ sind seine letzten Worte.


Was hätten all diese und viele andere Priester getan ohne den lebendigen Glauben an die Macht des Gebetes! Im vertrauensvollen, persönlichen Kontakt mit Gott fanden sie die Kraft, ihr schweres Los zu tragen, glaubend und hoffend zu erfahren: „Wenn das Weizenkorn in die Erde fällt und stirbt, bringt es viele Frucht!“ Freilich, was an Segen und Gnade für andere aus diesem Beten wuchs, das bleibt uns verborgen. Jedes Gebet steht im Dienste des Apostolates, ob wir das nun ausdrücklich betonen oder nicht. Wir können ja nicht anders beten, denn als Glieder der großen Menschheitsfamilie. Wo aber eines davon sich anbetend, dankend, sühnend oder bittend bewusst vor das Antlitz und in die Gegenwart Gottes stellt, reißt es alle anderen mit hinein in den Bereich des Dialogs mit Gott. Therese vom Kinde Jesu sagte einmal: „Wie oft habe ich überlegt, dass ich vielleicht alle Gnaden, die mir zuteilwerden, den Gebeten einer ganz schlichten Seele verdanke, die ich erst im Himmel kennenlerne.“ Die Heilige ihrerseits handelt mit derselben Konsequenz und ist überzeugt von der apostolischen Fruchtbarkeit ihrer unscheinbaren Taten. Am 12. Juli 1896 schreibt sie an ihre Schwester Léonie: „Es ist etwas so Schönes, Jesus durch unsere kleinen Opfer zu helfen, Ihm Seelen retten zu helfen, die ER durch sein kostbares Blut erkauft hat und die nur auf unsere Hilfe warten, damit sie nicht in den Abgrund stürzen.“


Die Kirche Gottes wusste sich auf ihrem Gang durch die Jahrhunderte immer wieder in die Lage versetzt, die uns vom Gottesvolk des Alten Bundes in Ex 17,8-11 geschildert wird: „Da rückten die Amalekiter heran und kämpften bei Refidim gegen die Israeliten. Mose wandte sich an Josua: „Suche uns Männer aus, ziehe aus und kämpfe morgen gegen die Amalekiter! Ich will mich aber auf den Gipfel der Anhöhe stellen, den Gottesstab in meiner Hand.“ Josua tat, wie Mose ihm geboten hatte. Er zog in den Kampf gegen Amalek. Mose, Aaron und Chur stiegen aber auf den Gipfel der Anhöhe. Solange nun Mose seine Hände erhob, obsiegte Israel; sobald er aber seine Hände sinken ließ, waren die Amalekiter überlegen.“ Auch in Zukunft wird das Neue Volk Gottes in dieser Schilderung sich selbst wiedererkennen müssen. Darum auch die Mahnung des Gottmenschen Jesus Christus: „Ihr sollt allzeit beten und nicht nachlassen!“ Diese Waffe steht uns allen zur Verfügung im Kampf für das Gute, im Einsatz für eine bessere Welt, in unserer apostolischen Arbeit. Lassen wir uns mitreißen von den Heiligen und von jenen Helden unserer Tage, die durch ihr Leben bezeugt haben, dass das Reich Gottes nicht nur Kämpfer, Eroberer und Pioniere braucht, sondern auch stille Beter, denn „die Menschheit lebt von denen, die sich für sie geopfert haben“ (P. Lippert SJ).


Herr, lehre uns verstehen, was die heilige Therese vom Kinde Jesu uns durch die Lehre des „Kleinen Weges“ nahegelegt hat: Es kommt bei Dir nicht auf große Leistungen an, sondern auf leere Hände, die sich in grenzenlosem Vertrauen betend zu Dir erheben, damit Du sie füllest mit Segen und Gnade für die Brüder und Schwestern.