Therese - eine junge Seele



Viele Menschen lieben Therese, weil sie sich ihrem Leben und dem, was sie schreibt, nahe fühlen. Aber Therese spricht besonders junge Menschen an. Es gibt viele Ähnlichkeiten zwischen Thereses Leben in ihrem Karmel am Ende des 19. Jahrhunderts und dem Leben heute.


Nehmen wir die sozialen Netzwerke, die ein Mittel zur Kommunikation in „kleinen Dosierungen“ sind. Die Informationen werden auf den einfachsten Ausdruck reduziert; man nimmt sich keine lange Zeit dafür, es muss schnell gehen, und der verfügbare Platz für die Nachricht ist gering. Das ist wie das Leben im Karmelkloster, wo man wenig Zeit und Raum hat, um etwas weiterzugeben. Therese verwendet keine Emoticons in ihren Schriften, aber viele Pünktchen…


Der Brief 197 ist ein gutes Beispiel dafür. Er hat die gleiche Länge wie ein Artikel im Internet. Therese antwortet darin ihrer Schwester Marie, die sie fragt, wie es möglich ist, Gott so zu lieben, wie sie es tut. Marie wundert sich über die großen Wünsche und Sehnsüchte, die Therese bewegen, und meint, diese seien ein Zeichen einer besonderen Bevorzugung Thereses von Seiten Gottes. Therese weist diese Vermutung entschieden zurück und dreht die Situation um: Diese inneren Bewegungen sind ein Trost, den Jesus manchmal schwachen Seelen wie der ihren gewährt; solche schwachen Seelen gibt es viele. Aber es ist umgekehrt: Wenn Gott diesen Trost nicht gibt, dann ist das ein Zeichen besonderer Gnade, und dann, fügt Therese hinzu, ist es das Vertrauen und nichts als Vertrauen, welches uns zur wahren Liebe führen wird. Therese benutzt keine langen Erklärungen, sondern sagt einfach, was ihre Seele bewegt. In ihren Gedichten und Theaterstücken versucht sie etwas über ihr Leben zu erzählen. Wie Künstler es meist machen, nimmt auch Therese sich die Freiheit, mit eigenem Stil ihre eigene Wirklichkeit zu erzählen. Jeanne d'Arc z.B., die Therese innig verehrt, ist in ihrem Theaterstück nichts anderes als Therese selbst, eine Kämpferin, die den Kampf Gottes mit aller Willenskraft und Aufrichtigkeit durchzieht.


Ein weiterer jugendlicher Charakterzug von Therese ist ihre Radikalität. Therese folgt ihrem Herzen und kümmert sich nicht darum, was andere sagen. Ihr Besuch beim Papst ist ein Beispiel dafür. Das bereits strenge Protokoll des Treffens wird aus Zeitmangel noch verschärft, und die Pilgergruppe, zu der Therese gehört, kann sich nicht direkt an Papst Leo XIII. wenden. Therese, die aber gerade dafür nach Rom gekommen war, um den Papst um die Erlaubnis für ihren Eintritt mit 15 Jahren in den Karmel zu bitten, spürt, wie ihr Plan in weite Ferne zu rücken scheint. Dank ihrer Schwester Céline, die sie dazu ermutigt, findet Therese die Kühnheit, den Papst anzusprechen. So kann sie ihre Umgebung davon überzeugen, dass sie wirklich entschlossen ist, Karmelitin zu werden. Diese Kühnheit, die selbst Autoritäten nicht scheut, wenn es um wichtige Ziele geht, ist charakteristisch für die Jugendlichen und für Thereses Persönlichkeit.


Therese ist ein Vorbild, mit dem sich viele Jugendliche identifizieren können. Die konkreten Details ihres Lebens sind zwar eher bewundernswert als nachahmenswert, aber wir können uns auf ihre Erfahrungen und ihr Verständnis der Dinge stützen. Und zuerst auf ihren Optimismus: Sie hat immer nach Gottes Wirken in ihrem Leben gesucht und sich nicht über ihre Schwäche geärgert.


Sie nennt am Beginn des ersten Manuskripts der „Geschichte einer Seele“ ihr Motiv, das sie leitet: Sie wolle nur eine Sache tun, nämlich „den Lobgesang anstimmen, den ich bis in alle Ewigkeit auf den Lippen tragen soll, nämlich den auf die barmherzigen Taten des Herrn“. Ihr Ansatz des Vertrauens und der Liebe ist zutiefst authentisch und positiv. Ihre Gotteserkenntnis ist so tief, dass sie alle Furcht ablegt: „Einen Gott, der sich für mich so klein gemacht hat, kann ich nicht fürchten. Ich liebe ihn, denn er ist lauter Liebe und Barmherzigkeit.“

Thereses Optimismus richtet sich auch auf die Zukunft. In einer Zeit, die von vielen Unsicherheiten geprägt ist, muss die Botschaft des „kleinen Weges“ wieder neu ins Bewusstsein gerufen werden. In der Tat, wenn Therese über die Zukunft spricht, bezeichnet sie sie immer als Ziel, das es zu erreichen gilt. Sie ist bereits dort, weil sie weiß, wohin sie gehen soll. Oft suchen wir nach Wegen, ein Ziel zu erreichen, bevor wir wissen, was es ist, und wir sind verzweifelt, weil wir nicht weiterkommen. Für sie ist ihr Ziel klar: der Himmel.


Dieser Paradigmenwechsel in der Sichtweise ist außergewöhnlich und macht Thereses Wunsch verständlich, bald in den Himmel zu kommen. Wie sie sagt, beginnt ihr Werk eigentlich erst im Himmel. Sobald sie ihr Ziel gefunden hat, zieht die außergewöhnliche Willenskraft Therese auf dieses Ziel hin. Sie sagt, was sie glauben will, und weit entfernt von einem Placebo-Effekt berührt sie in diesem Moment bereits einen Teil dessen, was ihr von Gott verheißen ist. Dieser „Lauf eines Riesen“ ist der kleine Weg des Vertrauens und der Liebe, den sie durch tagtägliche Akte der Hingabe verwirklicht.