Therese und ihre Liebe zur Kirche


Wie vielleicht bekannt, hat uns unsere kleine Freundin Therese auf den vielen Seiten, die sie in ihrem kurzen Leben geschrieben hat, nie eine große und umfassende Abhandlung über die Kirche hinterlassen, wie das andere Heilige getan haben, nein, das hat sie nicht getan, und das war auch kein Zufall, weil das zu ihr auch gar nicht gepasst hätte… Zu ihr passte kein verstandesmäßiger Zugang zur Kirche, sondern ein „beziehungs-mäßiger“, ja mehr noch: ein liebe-voller Zugang zur Kirche: Therese hat die Kirche von innen heraus, also von ihrem Herzen her geliebt und dabei war diese Liebe bei ihr so innig, dass sie die Kirche sogar ihre „Mutter“ genannt hat! Das schreibt sie ja in dem später so berühmt gewordenen Satz: „Im Herzen der Kirche, meiner Mutter [!], werde ich die Liebe sein!“ (SS 201) Für unsere kleine Freundin war die Kirche also ihre Mutter! Kann man aber etwas Schöneres über die Kirche aussagen als dies? Was ist das für ein Unterschied im Vergleich zu den oft nur kritischen Stimmen über die Kirche, wie wir sie heutzutage leider immer wieder hören oder gar: was ist das für ein Unterschied zu den fordernden Stimmen unserer Tage, die die Kirche sozusagen von „außen“ her reformieren wollen statt von „innen“ her, wie es unsere kleine Freundin Therese getan hat...


Bleiben wir einmal bei diesem Gedanken: die Kirche ist für Therese ihre Mutter, die Mutter ihrer Seele! Damit sagt sie doch indirekt zugleich, dass sie selbst ihr Kind ist. Ist sie aber das Kind der Kirche, dann ist sie damit auch eine echte Tochter ihrer heiligen Mutter Teresa von Avila, der Gründerin des reformierten Karmelitenordens, in den Therese 300 Jahre nach der großen Teresa eingetreten ist. Und warum ist sie dann eine wahre Tochter Teresas? Weil diese als letzten Satz in ihrem Leben auf dem Sterbebett gesagt hat: „Ich bin eine Tochter der Kirche!“ Mit diesem „Abschluss-satz“ ihres heiligen Lebens hat die große Teresa bestätigt, wie wichtig es ihr war, sich selbst und vor allem den von ihr neu gegründeten Orden in den großen, ja, weltumspannenden mystischen Leib der Kirche eingefügt zu wissen: der Karmelitenorden war und ist ganz bewusst ein Teil dieses mystischen Leibes der Kirche… Teresa von Avila war es von daher äußerst wichtig, dass ihre „Töchter“ ihr gesamtes Leben und Beten, ja sogar ihre Herzen jeden Tag ganz in den Dienst der Kirche stellen, das heißt, in den Dienst des Seelenheils der gläubigen Menschen (und letztlich sogar aller Menschen!) und dazu sich selbst und ihre eigenen Sorgen zurückstellen! Eben das jedoch hat unsere kleine Therese geradezu in Vollkommenheit getan! Ja, wir können in ihrem Fall sogar sagen, dass sich ihre große Liebe zur Kirche in erster Linie darin zeigte, dass sie in ihrem Ordensleben keinen tieferen Sinn erkannte als den: im Dienst der Kirche Seelen retten zu wollen! Von dieser so kirchlichen Sehnsucht war ihr Alltagsleben im Karmel ganz durchdrungen! Ja, dazu hat Jesus sie sogar in den Karmel gerufen: das sollte dort ihre wichtigste, ja ihre einzige Aufgabe sein: Seelen für Gott zu retten!... Alles im klösterlichen Alltag diente diesem großen, erhabenen Ziel: für dich, Jesus, und damit für deinen mystischen Leib, die Kirche, will ich Seelen retten! Das wird auch in der folgenden Aussage deutlich, die Therese am Ende ihres kurzen Lebens gemacht hat: Als sie durch ihre Tuberkuloseerkrankung schon ganz geschwächt war, sagte sie über ihr fast nicht mehr tragbares Leid: „Nie hätte ich gedacht, dass ich so viel leiden könnte, ich kann es mir nur von daher erklären, dass ich Seelen retten wollte…“ Mit diesem „kirchlichen“ Hintergrund, ausschließlich für das Heil der Seelen da zu sein und dafür alles im Alltag Gott „aufzuopfern“, das heißt, Jesus zu schenken, damit er es wiederum für das Heil der Seelen fruchtbar machen kann, alle Probleme und Sorgen, alle Opfer und Nöte, die es vor allem im zwischenmenschlichen Bereich gibt (aber auch im Gebetsleben durch die tägliche Trockenheit beim Beten!), das war der „kirchliche“ Weg unserer kleinen Therese, bis sie mit ihren nur 24 Jahren aus dieser Welt von Gott heimgerufen worden ist… Das aber heißt doch: Unsere kleine Heilige führte im Karmel ein Leben, das ganz im Sinne ihrer heiligen Mutter Teresa von Avila ein „kirchliches“ Leben war: ein Leben nur für den anderen, ein Leben nur im Dienst an dessen Seelen-heil!...


Therese versteht ihr Alltagsleben im Karmel aber nicht nur im Sinne des Arbeitens für das Heil der Seelen allgemein, sondern vor allem auch, wie sie es kurz vor der Ablegung ihrer Zeitlichen Gelübde ausdrückte: um für die Priester zu beten! Ganz selbst-los betete und opferte sie täglich für die Priester der Kirche, die ihr ganz besonders am Herzen lagen! Ja, gerade die Priester sollten durch ihr tägliches Beten und Opfern geheiligt werden, damit diese dadurch wiederum ihr priesterliches Leben ganz in den Dienst des Seelenheils der ihnen anvertrauten Menschen stellen! Mit anderen Worten: Therese betete und opferte im Karmel, damit die Priester so heilig werden, dass sie, wie Therese selbst, sich im Dienst am Heil der Seelen ganz verzehren und so die Menschen auf den Weg zur Heiligkeit führen! Und auch das, dieses Beten und Opfern für die Priester, war ganz im Sinne der großen Teresa von Avila, die als die geistliche Mutter Thereses natürlich vom gleichen Geist beseelt war wie ihre geistige Tochter!...


Schauen wir aber noch genauer hin: Wenn wir am Beginn dieses Beitrages das Zitat erwähnt haben: „Im Herzen der Kirche, meiner Mutter, werde ich die Liebe sein!“ (SS 201), dann fällt uns vielleicht auf, dass es Therese am Ende ihres kurzen Lebens vor allem darum ging, im Herzen der Kirche die Liebe zu sein! Ich meine, eine solche Aussage hat es noch nie von einem Heiligen der Kirche gegeben! Was sie hier schreibt, ist nicht nur sehr gewagt, das ist sogar das Höchste, was ein Mensch für sich beanspruchen kann: im Herzen des mystischen Leibes Christi, also der gesamten Welt-Kirche, die Liebe sein zu wollen! Kann so etwas ein Mensch überhaupt sagen? Nein, eigentlich nicht, aber unsere kleine Freundin war ja keine „Erwachsene“, sondern ein „Kind“ und Kinder dürfen so etwas sagen, denn Kinder sagen ja oft Dinge, die sie vorher nicht überlegt haben und dieser Satz scheint tatsächlich in seiner ganzen Tragweite nicht wirklich überlegt worden zu sein, sondern einfach aus einem kindlichen Herzen der Liebe herausgesagt worden zu sein, ja herausgesprudelt zu sein! Für einen Erwachsenen „schickt“ es sich nicht, im Herzen der Kirche die Liebe sein zu wollen, ein „Kind“ hingegen darf das so sagen und vor allem: ein „Kind“ darf dort auch sein! Typisch für unsere kleine Freundin ist dabei, dass sie an dieser Stelle nicht von den „außenstehenden“ Gliedern der Kirche spricht, wie zum Beispiel vom Arm oder vom Fuß des mystischen Leibes der Kirche, sondern von deren Herzen: sie will offensichtlich im Mittelpunkt der Kirche stehen, so wie sie schon als Kind im Mittelpunkt ihrer Familie gestanden war! Aber einem „Kind“ nimmt man das ja nicht übel, im Mittelpunkt stehen zu wollen, ein Kind darf das ja und so missgönnt man unserer kleinen Therese diesen höchsten Platz in der Kirche, den ihr Jesus geschenkt hat, auch nicht, im Gegenteil: wenn jemand dort sein darf, dann ein Kind wie Therese eines war! Was heißt das aber anderes als dass sie damit ganz nahe beim Herzen Jesu ist, dessen Herz ja das Herz des mystischen Leibes der Kirche ist? Und was heißt das wiederum anderes, als dass sie damit auch ganz nahe beim Herzen des himmlischen Vaters ist? Und eben dort wird sie die Liebe sein und alle Glieder der Kirche mit Liebe „versorgen“, so dass die Apostel auch in Zukunft bereit sind, das Evangelium zu verkünden und die Märtyrer auch in Zukunft bereit sind, ihr Blut für Jesus zu vergießen, indem sie alles für diese gibt, was sie ihnen nur geben kann: ihr eigenes Herz, ihr eigenes Herz-blut, wie sie es selbst in ihrem letzten Gedicht formulierte, das sie an Maria, an die Muttergottes, an ihre himmlische „Mama“, geschrieben hat: „Lieben heißt alles geben, ja, sogar sich selbst hingeben…“ (P 54)


Therese hatte also, wenn wir das zusammenfassend auf den Punkt bringen dürfen, nicht nur eine tiefe Liebe zur Kirche, das wäre ihr sozusagen noch zu wenig (!) gewesen, vielmehr ist sie im Herzen der Kirche die Liebe und damit kann sie alle Glieder der Kirche mit der Liebe Gottes „ernähren“, damit diese zum Seelenheil der Menschen wirken können! Die Liebe Gottes fließt, im Bild gesprochen, durch sie hindurch in die Herzen der Verantwortlichen in der Kirche, vor allem der Priester (aber auch aller Gläubigen, ja letztlich sogar aller Menschen!) und macht dadurch deren Wirken äußerst fruchtbar zum Heil der Seelen! Dieses Geheimnis des kontemplativen Lebens hat Therese zutiefst erfasst! So wird sie in der Kirche und für die Kirche „alles“ sein und so wird ihr Traum vom „Alles-sein-Wollen“ endlich Wirklichkeit! (SS 201)… Jetzt ist das „Kind“ Therese zufrieden und… überglücklich!…