Therese und der Dreifaltigkeitssonntag 1895


Fr Lawrence Lew, OP - Lille Cathedral, France

„Am neunten Juni dieses Jahres, dem Fest der Heiligsten Dreifaltigkeit, habe ich die Gnade empfangen, mehr denn je zu begreifen, wie sehr sich Jesus danach sehnt, geliebt zu werden.“


So schreibt Therese in ihrer „Geschichte einer Seele“ (MsA 84r). Am Morgen dieses Festtages bei der hl. Messe wird sie von der Wirklichkeit und Schönheit der bamherzigen Liebe der heiligsten Dreifaltigkeit in ihrem Innersten ergriffen. Sie erkennt aber auch, wie sehr diese Liebe von den Menschen zurückgewiesen wird. Ihr Bericht wird zum Gebet:


„O mein Gott, allerorten ist deine barmherzige Liebe verkannt und wird zurückgestoßen. Die Herzen, an die du sie zu verschenken verlangst, wenden sich den Geschöpfen zu und suchen bei ihnen mit ihrer jämmerlichen Zuneigung das Glück, anstatt sich in deine Arme zu werfen und deine unendliche Liebe anzunehmen. Oh mein Gott, soll deine verachtete Liebe also in deinem Herzen eingeschlossen bleiben? Mir scheint, wenn du Seelen finden würdest, die sich Deiner Liebe als Ganzopfer weihten, so würdest du sie rasch verzehren. Mir scheint, du wärest glücklich, die Ströme unendlicher Zärtlichkeit nicht in dir einschließen zu müssen.“


Und so fühlt sie in sich das Verlangen, sich dieser barmherzigen Liebe Gottes ganz zu öffnen, ja, sich selbst ihr als Opfergabe zu schenken:


„O mein Jesus, lass mich dieses selige Opfer sein! Verzehre dein Ganzopfer mit dem Feuer deiner göttlichen Liebe!“


Therese weiß darum, dass sich großherzige Heilige Gott als Opfer zur Sühne für die Sünden der Menschen angeboten haben. Auch manche ihrer Mitschwestern fügten sich Qualen zu durch Geißelungen mit Ruten, durch Bußwerkzeuge und Opfertaten, um die Strafe Gottes von den Sündern abzuwenden. In der damaligen Zeit waren die Christen stark von der Furcht vor dem gerechten Gott geprägt, der das Gute belohnt und das Böse bestraft. Man versuchte, den Himmel zu besänftigen durch viele guten Werke, Opfer und Gebete.

Therese schätzt diese Hochherzigkeit hoch ein, weil diesen Schwestern die Heiligkeit Gottes vor Augen steht, und sie wie Christus Buße tun wollen für die Sünder. Dennoch weiß sie, dass das nicht ihr eigener Weg, ihre eigene Berufung ist. Sie erkennt, dass das Wesen Gottes Liebe ist und dass Er sich schlicht danach sehnt, auf diese Liebe eine Antwort zu erhalten, also von den Menschen geliebt zu werden. Das Problem der Sünde sieht sie nicht so sehr in der Verletzung eines Gebotes und in der darauffolgenden Strafe. Das Problem der Sünde ist die Verletzung der Liebe Gottes! So ist Thereses Weg nicht, Strafen der Sünder auf sich selbst zu lenken und sich der Gerechtigkeit Gottes als Opfer anzubieten. Sie möchte sich vielmehr der Liebe Gottes vollständig öffnen und sich vom Feuer dieser Liebe als Opfer verzehren lassen. So schreibt sie ihrer Priorin, Sr. Agnes von Jesus:


„Meine liebe Mutter, Sie haben mir erlaubt, mich in diesem Sinn dem lieben Gott aufzuopfern, uns so wissen Sie auch von den Strömen, ja, den Ozeanen an Gnaden, die daraufhin in meine Seele eingeströmt sind… Oh, ich habe den Eindruck, seit diesem seligen Tag durchdringt und umgibt mich die Liebe, ja, mir scheint, jeden Augenblick erneuert mich diese barmherzige Liebe, sie reinigt meine Seele und hinterlässt darin keine Spur der Sünde.“


Dieser Akt der Hingabe an die barmherzige Liebe Gottes ist ein Höhepunkt auf dem geistlichen Weg der hl. Therese. Sie versteht, dass sie durch ihre vollständige Lebenshingabe den Ozean der Liebe Gottes aufbrechen kann, damit diese Liebe auf viele Seelen überströmt und so deren Heil erlangt wird. Darin sieht sie ihre Berufung. Therese, die diesen Weg der Hingabe konsequent weitergeht und sich von Gottes Liebe verzehren lässt, zeigt der Welt, was die Liebe Gottes vermag, wenn kein menschliches Hindernis ihrem Wirken im Wege steht.


P. Georg Gantioler FSO