Therese und die Eucharistie


Der Geist der Kindschaft, der dem ganzen religiösen Leben Thereses das Gepräge gibt, bestimmt in besonderer Weise Thereses Haltung zur heiligen Eucharistie. Gewiss verehrt sie wie viele Heilige die Eucharistie mit großer Inbrunst und Sehnsucht; denn die Hostie, das ist Christus. Die Art jedoch, wie sie das Brot des Lebens empfängt und von ihm lebt, ist die eines Kindes.


Auch hier folgt sie dem Evangelium: werden wie ein Kind! In dem Maß, als sie in der Hostie das schönste Beispiel der Demut Christi und das erhabenste Unterpfand seiner Liebe entdeckt, dringt sie auch auf ihrem Wege der Demut und des Vertrauens weiter vor, bis sie sich schließlich danach sehnt, mit der Hostie eins zu werden, um in einem Akt völliger Hingabe in Jesus aufzugehen. Am Tage ihrer ersten heiligen Kommunion erfährt sie in einer für sie entscheidenden Weise die Liebe Jesu:


„Schon seit langem hatten Jesus und die arme kleine Therese sich angeschaut und verstanden… An diesem Tage war es kein Anschauen mehr, sondern ein Verschmelzen; es waren nicht mehr zwei; Therese war verschwunden wie ein Wassertropfen, der sich im Schoß des Ozeans verliert. Es war nur noch Jesus da. Er war der Meister, der König. Doch hatte Therese ihn nicht gebeten, ihr die Freiheit zu nehmen? Denn die Freiheit machte ihr Angst. Sie fühlte sich so schwach, so gebrechlich, dass sie sich immer mit der göttlichen Kraft vereinigen wollte.”


Die Eucharistie ist das Geschenk der göttlichen Kraft an das Kind, das sich schwach fühlt, ist jener Punkt der Verschmelzung, wo das, was ein Nichts ist, aufzugehen strebt in dem, der das Alles ist. Therese lässt sich völlig überfluten von der Fülle Gottes. Die folgenden Tage wiederholt sie ohne Unterlass: „Nicht mehr ich lebe, sondern Jesus lebt in mir.”


Thereses Haltung der Eucharistie gegenüber bleibt von diesem Geist der Kindheit geprägt, ob sie sich nun auf die heilige Kommunion vorbereitet oder sie empfängt oder ihre Danksagung macht, oder ob sie sich darüber äußert, was sie von diesem Sakrament alles erwartet. Therese ist so erfüllt von der Liebe Gottes, dass sie beim Empfang der heiligen Kommunion mehr darauf bedacht ist, auf Jesus zu schauen als auf sich selbst und ihre Schwäche. Mit 15 Jahren schreibt sie ihrer Cousine Marie Guerin:


„O meine Liebe, denk doch daran, dass Jesus im Tabernakel eigens für Dich da ist, für Dich allein. Er brennt vor Sehnsucht, in Dein Herz einzukehren.“


Das ist das Wesentliche: Jesus hat ein unermessliches Verlangen, in unser Herz zu kommen: „Ich dürste danach, mich den Seelen hinzugeben, doch sind die Herzen vieler so lau!“ Therese hingegen weiß wohl „Viel teurer als das edelste Gefäß aus Gold ist meine Seele für Jesus.“ Deshalb sieht Therese in den Skrupeln ihrer Cousine, die nach dem geringsten Fehler nicht mehr wagt, zum Tisch des Herrn zu gehen, eine Falle des Teufels: „Hör nicht auf den Teufel, lach ihn aus und empfang ohne Furcht Jesus, den Herrn des Friedens und der Liebe!“ Theresia geht vor allem zur Kommunion „um Jesus Freude zu machen”. Da teilt sie seine Freude im reinen Glauben, ohne sich durch ihre Trockenheit hemmen zu lassen:


„Ich kann nicht sagen, dass ich während meiner Danksagungen oftmals Tröstungen empfangen habe. Ich finde das ganz natürlich, weil ich mich Jesus angeboten habe; nicht wie jemand, der seinen Besuch zum eigenen Troste wünscht, sondern im Gegenteil zur Freude dessen, der sich mir schenkt.“


Wenn sie auf ihre Schwachheit schaut, dann nur, um auf dem Wege der Demut weiter fortzuschreiten und ihr Vertrauen auf die Liebe Gottes zu verdoppeln. So etwa an jenem Tag, da Gott ihr beim Beten des Schuldbekenntnisses vor der heiligen Kommunion eine besondere Erleuchtung über ihre Armseligkeit gibt:


„Ich sah unseren Herrn, ganz nahe schon, sich mir zu schenken, und dieses Sündenbekenntnis schien mir eine notwendige Demütigung. Wie der Zöllner kam ich mir vor als große Sünderin. Der liebe Gott schien mir aber so barmherzig. Ich fand das so ergreifend: sich an den ganzen himmlischen Hof zu wenden, um durch seine Fürbitte die Verzeihung meiner Sünden zu erlangen. Wie ist das doch seltsam, so etwas gerade beim Schuldbekenntnis zu erleben! Ich glaube, das kommt von meiner derzeitigen Verfassung: ich fühle mich so armselig. Mein Vertrauen ist deshalb aber nicht vermindert, im Gegenteil, und das Wort ‚armselig‘ trifft nicht das Richtige; denn ich bin reich an allen göttlichen Schätzen: aber gerade deshalb verdemütige ich mich noch mehr.“


Anstatt aber bei ihrer Armseligkeit, deren sie sich völlig bewusst ist, stehenzubleiben, erhebt Therese vielmehr ihren Blick zu Jesus und versucht gar nicht, sich zu rechtfertigen: „Unser Gott, der Gast unseres Herzens, kommt zu uns in der Absicht, eine leere Wohnstatt, ein leeres Zelt zu finden mitten im Schlachtfeld der Erde. Er verlangt nur das.” Therese hat verstanden, dass die Eucharistie eine Danksagung ist: eine Danksagung voller Inbrunst für die Wohltaten, die Gott uns erwiesen hat. Gott erwartet von seiner Kreatur kein anderes Geschenk als die demütige Dankbarkeit für das, was sie von ihm empfangen hat. Dieses Geschenk macht ihm am meisten Freude, denn es entspricht genau dem Wesen Gottes, der die Liebe ist und dessen Ehre darin besteht, sich mitzuteilen.


Wenn Therese Jesus empfängt, tut sie es in der Absicht, „ihm Freude zu machen“. Weiß sie doch, dass sie damit zugleich alles andere von ihm erhält, was ihr zum Leben notwendig ist. Daher kommt es auch, dass sie auf die heilige Kommunion zeitlebens so großen Wert legt. Mutter Agnes von Jesus verrät uns: „Nach ihrer ersten heiligen Kommunion sehnte sie sich nur noch nach den Tagen, wo sie wieder kommunizieren durfte, und sie fand es bis dahin stets allzu lang.“ Ohne Zögern überwindet sie in ihrer letzten Krankheit die äußerste Schwäche inmitten ihrer Leiden, nur um kommunizieren zu können. Da eine Schwester sie deshalb tadelt, gibt sie ihr zur Antwort: „Ich finde nicht, dass man zu viel leidet, wenn man damit eine Kommunion erlangen kann.“ Denn kommunizieren heißt sich der Kraft Gottes öffnen: „Mein tägliches Brot bist du, o Jesus.” Einer Novizin, die wegen einer Untreue nicht kommunizieren will, gibt Therese den Rat, sich Gott zu öffnen und hinzuhalten wie eine Blume, „damit das Brot der Engel sich wie ein göttlicher Tau herniedersenke, sie stärke und ihr all das gebe, was ihr fehlt“.


Die Eucharistie ist für Therese das Sakrament des Missionsapostolates, das Sakrament des Wachstums der Kirche. Durch die Eucharistie wächst die Christenheit an äußerer Ausdehnung und innerer Heiligkeit in gegenseitiger Liebe. Sie bewirkt, dass die durch die Sünde zerstreuten Gotteskinder zur Einheit zurückkehren. Therese naht sich der Eucharistie wie ein Kind und entdeckt dort immer mehr ein Geheimnis der Demut Jesu, in das er aus Liebe eintrat und wo sie ihn mit brennendem Verlangen wiederzufinden sucht. Diese Sicht kehrt in ihren Gedichten ständig wieder:


„Mein Himmel ist verborgen in der kleinen Brotsgestalt, wo Jesus, wo mein Bräutigam aus Liebe sich verhüllt.” „Du großer Gott, den alle Welt anbetet, Du kommst zu mir, gefangen Tag und Nacht.” Und Jesus spricht: „Dein Herz ist es, das ich ersehne; Ich habe mich erniedrigt bis zu ihm.”


Die Erniedrigung Jesu in der unscheinbaren Hostie ist für Therese Vorbild für den Weg der geistigen Kindheit. Wenn sie später ein Gebet verfasst zur Erlangung der Demut, richtet sie ihren Blick. geradewegs auf die Eucharistie:


„In der Hostie erkenne ich das Übermaß deiner Selbstentäußerung. Wie groß ist deine Demut, o göttlicher König der Glorie, dass du dich all deinen Priestern unterwirfst, ohne einen Unterschied zu machen zwischen denen, die dich lieben, und denen, die in deinem Dienst lau sind oder kalt. Wie sanft und demütig von Herzen erscheinst du, o mein Geliebter, unter dem Schleier der weißen Hostie! Um mich die Demut zu lehren, kannst du dich nicht mehr tiefer erniedrigen. So will auch ich, um deiner Liebe zu antworten, wünschen, dass meine Schwestern mich stets an den letzten Platz stellen, und will überzeugt sein, dass dies mein Platz ist.“


Für Therese ist die Demut, die sie aus der Annahme ihrer Schwachheit erworben hat, wie eine Nachahmung Jesu in der heiligen Hostie:


„Du lebst für mich verborgen in der Brotsgestalt; ich will für dich, o Jesus, mich verbergen. Wer liebt, will in der Einsamkeit, will Herz an Herz mit dem Geliebten sein bei Tag und Nacht.”


P. Victor de la Vierge OCD